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Rotavirus-Infektion

akute Magen-Dünndarm-Entzündung im frühen Kindesalter, kann aber auch ältere Kinder und Erwachsene befallen

Erreger

Rotaviren, syn. reovirus-like agents, Duovirus, Virus der infantilen Diarrhoe

Rotaviren gehören zur Familie Reoviridae. Es handelt sich um nichtumhüllte Viruspartikel (Durchmesser etwa 75nm), die strukturell dreischichtig sind (äußeres und inneres Kapsid und Core­Schale). In der Core­Schale liegt das aus 11 diskreten Segmenten einer doppelsträngigen RNA bestehende virale Genom. Diese Segmentierung kann bei Doppelinfektionen über einen Segmentaustausch (Reassortment) zu neuen Rotavirus­Varianten führen.
Man unterscheidet 7 Serogruppen (A--G). Rotaviren der Gruppe A kommt weltweit die größte Bedeutung zu. Die Antigenität des Virus wird von zwei Oberflächenproteinen (VP 4 und VP 7) bestimmt, anhand derer auch die Einteilung der Viren einer Serogruppe in unterschiedliche Serotypen (Genotypen) nach einem binären System erfolgt. Man unterscheidet 14 VP7­Typen (>G­<) und 20 VP4­Typen (>P­<). Der größte Anteil der Rotavirus­Erkrankungen (~75%) wird durch Rotaviren des Typs G1P8 verursacht.

Rotaviren sind sehr umweltresistent (hohe Tenazität, Säure­ und Hitzeresistenz).

Abb. 1: Rotaviren in elektronenmikrosopischer Aufnahme. Stuhlpräparation von einem 1­jährigen Kleinkind mit Gasroenteritis: Die gelegentlich an ein Rad oder Speichen erinnernde Viruseinstruktur des Kapsids führte zur Benennung Rotavirus (lat. rota = Rad).
Aufnahme: H. Gelderblom, RKI


rota.jpg; 13k; Elektronenmikroskopische Aufnahme von Rotaviren

Vorkommen/Verbreitung

weltweit, seit 1973 vermutet, seit 1974 durch elektronenmikroskopische Untersuchungen der Dünndarmschleimhaut von Säuglingen entdeckt, wegen der mangelnden Kultivierbarkeit in Zellkulturen wurde es wohl nicht früher gefunden

Weltweit lösen Rotaviren mehr als 70% der schweren Durchfallerkrankungen bei Kindern aus und sind damit die häufigste Ursache von Darminfektionen in dieser Altersgruppe.
Infektionsquelle ist der Mensch, sporadisches Auftreten über das ganze Jahr, epidemisch vor allem zwischen Februar und April, Übertragung fäkal-oral, möglicherweise auch Tröpfcheninfektion über den Respirationstrakt möglich (wird zumindest für epidemisches Auftreten in Kindereinrichtungen nicht ausgeschlossen), sehr häufig auch über Trinkwasser verbreitet, Hinweise auf Übertragung von Haustier auf den Menschen scheinen neuerdings auch eine Rolle zu spielen (siehe folgenden Absatz)

Rotaviren sind bei Haustieren verbreitet,die Übertragung erfolgt aber überwiegend fäkaloral von Mensch zu Mensch oder durch kontaminiertes Wasser. Rotavirus-Infektionen sind nach heutiger Einschätzung die häufigste Ursache einer virusbedingten Enteritis infectiosa, im Kleinkindesalter sind sie vermutlich die häufigste Ursache aller Gastroenteritiden (siehe RKI: Epid.Bull. 47/98: 334336).

In den westlichen Industrieländern erkranken am häufigsten Säuglinge und Kinder im Alter von 6 Monaten bis zu 2 Jahren. Dies basiert auf einer besonders hohen Empfäng­ lichkeit aufgrund noch fehlender Immunität (im Laufe der ersten Lebensjahre werden infolge von Kontakten mit dem Erreger rasch zunehmend Antikörper gebildet).
Im Erwachsenenalter treten Erkrankungen ,- meist milder verlaufend -, vor allem als Reisediarrhoe (dazu eigenes Kapitel auf dieser Homepage), bei Eltern erkrankter Kinder oder im Rahmen von Ausbrüchen in Altenheimen in Erscheinung.

Auf der Basis der Meldungen aus 11 Bundesländern ergibt sich für das Jahr 1999 ein Anteil von 38% an den übrigen Formen der Enteritis infectiosa, bezogen auf die Enteritis infectiosa insgesamt von 24% (Inzidenzraten: alte Bundesländer 28,2 Erkr. pro 100.000 Einw., neue Bundesländer und Berlin 142,2 Erkr. pro 100.000 Einw.).
Mit dem Infektionsschutz-Gestz (IfSG) wurde in Deutschland eine Meldepflicht für Rotavirus­Erkrankungen eingeführt. Im Jahr 2001 wurden 50.199 Erkrankungsfälle gemeldet (vorläufige Anga­ be). 82,3% dieser Erkrankungen (41.311) betrafen Kinder im Alter bis zu 5 Jahren. 5,3 % der Erkrankungen (2.657) traten bei Personen über 60 Jahre auf, 23% der in diesem Alter erkrankten Personen (623) lebten in einem Alten­ heim.
Die saisonale Verteilung zeigt deutlich ausgeprägte Erkrankungsgipfel im Winter und im Frühjahr (besonders Februar bis April), 72% der Erkrankungen treten im I. und II. Quartal auf. Hauptbetroffene sind Säuglinge sowie Kleinkinder im Alter von 14 Jahren (47 bzw. 42% der Rotavirus-Nachweise). 36% der Infektionsnachweise bei akuten virusbedingten Darmerkrankungen entfallen auf Rotaviren.des RKI).
Unter 156 in Sachsen erfassten Gastroenteritis-Häufungen waren 21 (13%) durch Rotaviren verursacht. Kinder mit einer Rotavirus-Infektion erkranken durchschnittlich schwerer als Kinder mit einer Gastroenteritis anderer Ätiologie (die Rate der Krankenhauseinweisungen ist höher).

Letale Verläufe sind allerdings unter den Bedingungen eines gut entwickelten Gesundheitssystems äußerst selten. Von sechs bekannten Serotypen kommen vier in Deutschland vor, am häufigsten (zwei Drittel) der Serotyp 1. Es erscheint sinnvoll, die Rotavirus-Diagnostik in der Praxis künftig insgesamt häufiger in Anspruch zu nehmen und zu Rotavirus-Infektionen weitere klinische und epidemiologische Daten zu sammeln, um die Bedeutung dieser Infektionen präziser abschätzen zu können.

In Entwicklungsländern haben Rotavirus­Erkrankun­ gen eine besondere Bedeutung, weil sie maßgeblich zur Mortalität im Kindesalter beitragen. Es wird geschätzt, dass in Afrika, Asien und Lateinamerika jährlich etwa 500 Mil­ lionen Kinder erkranken und etwa 600.000 bis zu einer Million durch Rotavirus­Infektionen sterben.

Zum Nutzen einer prinzipiell möglichen Schutzimpfung für höher entwickelte Länder gibt es weiterhin keine abgeschlossenen Untersuchungen.

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Infektionsweg

Rotaviren werden fäkal­oral besonders durch Schmierinfektion, aber auch durch kontaminiertes Wasser und Lebensmittel übertragen. Obwohl sich die Viren im Atemtrakt nicht vermehren, können sie in der akuten Phase der Erkrankung auch in Sekreten der Atemwege ausge­ schieden werden, so dass auch eine aerogene Übertragung möglich ist. Das Virus ist sehr leicht übertragbar: Bereits 10 Viruspartikel reichen aus, um ein Kind zu infizieren. Bei akut Infizierten werden 109 bis 1011 Viren pro g Stuhl ausgeschieden. Subklinisch Erkrankte (vor allem Neugeborene und Erwachsene) sind als Überträger des Virus wichtig.

Inkubationszeit/ Dauer der Ansteckungsfähigkeit

Inkubationszeit (Zeit zwischen Ansteckung und Ausbruch) = 48 - 72 Stunden. Die Viren werden bis ca. 8 Tage nach Beginn der Erkrankung mit dem Stuhl ausgeschieden.

Eine Ansteckungsfähigkeit besteht während des akuten Krankheitsstadiums und solange das Virus mit dem Stuhl ausgeschieden wird. In der Regel erfolgt eine Virusaus­ scheidung nicht länger als 8 Tage, in Einzelfällen (z. B. Frühgeborene, Immundefiziente) wurden jedoch auch Vi­ rusausscheidungen bis zu 30 Tagen beobachtet.

Symptome

Beginn mit heftigem Erbrechen, innerhalb von 24 Stunden folgt ebenso heftiger Durchfall, Erbrechen hält 1-2 Tage an; der Durchfall erstreckt sich über 4-6 Tage, in der Mehrzahl besteht Fieber, häufig auch Zeichen eines Atemwegsinfektes.
Der Durchfall, der in nahezu allen Fällen besteht, ist profus, dünn, wird hell und kann auch übel riechen. Blut ist aber in den meisten Fällen nicht dabei.

Erbrechen tritt nicht in allen Fällen auf, ist aber für die Rotavirusinfekte typischer als für andere Magen-Darm-Infektionen.

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Komplikationen

selten, bei unzureichender pflegerischer und medizinischer Versorgung aber durch den enormen Flüssigkeits- und Elektrolytverlust denkbar. Spätschäden sind nicht bekannt.

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Diagnostik

Diagnose aufgrund des klinischen Bildes: Erbrechen, Durchfall und Fieber, typischer Zeitpunkt, typisches Alter (6 Monate bis 3 Jahre).

Ansonsten muß man sich auf virologische Untersuchungen verlassen. Rotaviren können elektronenmikroskopisch im Stuhl nachgewiesen werden. Einfacher und in der Praxis häufiger haben sich jedoch immunologische Nachweismethoden an Stulproben durchgesetzt. Auch ein serologische Titerkontrolle ist möglich, praktisch aber nicht relevant, da an Stuhlproben ein Ergebnis innerhalb von 24 Stunden vorliegt.
Die labordiagnostische Methode der Wahl ist der Nachweis eines gruppenspezifischen Antigens des inneren Kapsids aus dem Stuhl mit dem Enzym­Immun­Test.

Differentialdiagnose

In der frühen Phase ist eine Abklärung gegenüber anderen Gastroenteriden schwierig. Blut und/oder Leukozyten im Stuhl sprechen aber eher für eine bakterielle Infektion (z.B. Salmonellen), Verlauf selten länger als 4-6 Tage

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Therapie

spezifische, kausale Therapie der Rotavirusinfektion existiert nicht; Fieber mit üblichen Mitteln bekämpfen; ausreichende Flüssigkeitszufuhr in Form von Traubenzucker-Elektrolyt-Lösungen (z.B. Oralyt-Pulver, Oralpädon-Tabl. oder einfach dünner Tee plus 2 Teelöffel Traubenzucker plus je 1 Messerspitze Salz und Natron als Notlösung), vorsichtig mit Zweierzuckern (Fruchtzucker, Haushaltszucker, Malzzucker etc.), da häufig eine Disaccharid-Intoleranz besteht, wodurch der Durchfall verstärkt wird; deshalb kann die bei Durchfall u. Erbrechen im Kindesalter so beliebte Cola-Therapie ins Auge gehen.

Bei schwierigem Verlauf und stark reduziertem Allgemeinzustand muß die stationäre Einweisung erwogen werden.

Präventiv- und Bekämpfungsmaßnahmen

Allgemeine Hygiene, insbes. im genannten Zeitraum kein unabgekochtes Wasser trinken und das bewährte Händewaschen vor dem Essen und nach der Toilette. Bei Ausbruch der Erkrankung ggf. Apotheker nach einem viruswirksamen, gut hautverträglichen Händedesinfektionsmittel fragen, das Kinder aber nie unbeaufsichtigt anwenden sollten (Vergiftungsgefahr, insbes. bei Kleinkindern). Nach Einwirkungszeit muß dieses gut abgewaschen werden.

Literatur

  1. G.Brüschke (Hrg.): Handbuch der Inneren Erkrankungen; Band 5: Infektionskrankheiten, Fischer-Verlag Jena, 1983
  2. Epidemiologishes Bulletin; Hrg. Robert-Koch-Institut Berlin, Heft 47/1998; Seite 334-336
  3. Epidemiologishes Bulletin; Hrg. Robert-Koch-Institut Berlin, Heft 10/2002; Seite 1-4
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Erstellt: 13.11.2002 / Änderung: 15.11.02 / Autor: F.Wiegleb (fwiegleb@gmx.de)