Abb.: Sondermarke zu Ehren William
Oslers
Am Ende seines Lebens (1919) war
William Osler wahrscheinlich die herausragendste, bekannteste
und einflußreichste Persönlichkeit in der
Medizin. Bei der Lektüre seiner Biographie scheint
es unvorstellbar, daß ein Menschenleben ausreichend
für ein solch reiches Schaffen, wie das von William
Oster sein kann. Heiterkeit, Großzügigkeit
und Menschenliebe dürften wohl die hervorstechendsten
Charaktermerkmale dieses Mannes gewesen sein. Der
berühmte amerikanische Gehirnchirurg H. Cushing
beschreibt ihn in seinem 2bändigen Werk "The
Life of Sir William Osler" mit Worten, die den
Wunsch aufkommen lassen, diesem Mann einmal persönlich
begegnet zu sein - "A man with a cultivated peace
of mind, serenity - the philosophy of Marcus Aurelius".
Geboren wurde William Osler am 19. Juli 1849 in
Bond Head, Kanada. 1868 begann er sein Medizinstudium
in Toronto, das er an der McGill Medical School in Montreal
fortsetzte, wo er 1872 graduierte. In seinem anschließenden
zweijährigen Europaaufenthalt durchstreifte er
die Krankenhäuser von London, Berlin und Wien und
traf unter anderem auch mit Jenner zusammen. Besonders
in seiner Londoner Zeit konnte er seiner Liebe zur Histologie,
Physiologie und experimentellen Pathologie nachgehen.
Er studierte dort nicht nur die antagonistische Wirkung
von Atropin und Physostigmin auf die weißen Blutzellen,
sondern beobachtete auch als erster im zirkulierenden
Blut Korpuskeln, die vom ihm als "blood platelets"
(Blutplättchen) bezeichnet wurden. Die sorgfältige
Beschreibung dieses Phänomens führte dazu,
daß seine Studien 1874 der Royal Society präsentiert
wurden. Nach seiner Rückkehr aus Europa erhielt
er an der McGiull Medical School in Montreal eine Dozentenstelle
und wurde 1875 offiziell zum Professor ernannt. 1876
wurde ihm eine neue, eigens für ihn geschaffene
Position als Pathologe an dem Montreal General Hospital
angeboten. Er gründete unverzüglich einen
pathologischen Demonstrationskurs nach dem Vorbild Virchows,
den er in Berlin gesehen hatte. Gleichzeitig hatte er
auch eine Professur am Veterinary College. Der taxonomische
Begriff für den Parasiten Filoides osleri - Erreger
der Hundebronchitis - erinnert nur noch schwach an seinen
Entdecker. Wer ihn zu dieser Zeit kennenlernte, sah
einen Mann von überschäumender Vitalität,
voller Liebe zu seiner Arbeit, Bereitwilligkeit, Wachheit
und Liebenswürdigkeit. 1878 wurde er zum "full
physician" des Montrealer Krankenhauses ernannt.
In diese Zeit in Montreal fielen seine bedeutenden Studien
zur Anämie, zum Aneurysma, der Endokarditis und
der Klappenerkrankung des Herzens. Den Sommer
des Jahres 1884 verbrachte er in Europa (London, Leipzig,
Berlin). Danach wurde ihm eine Stelle als Professor
der klinischen Medizin an der Universität von Pennsylvania
(Philadelphia) angeboten. Er verließ Montreal
nur schweren Herzens. Seine Zeit in Philadelphia sollte
21 Jahre dauern. Im September 1888 wurde Osler zum
Chefarzt des neuen, 1889 offiziell eröffneten John
Hopkins Krankenhauses in Baltimore ernannt. Nach dem
europäischen Vorbild gründete er dort eine
amerikanische Schule für Innere Medizin. Er unterstützte
stets aktiv die sozialen Interessen der Stadt und sorgte
unter anderem dafür, daß das John Hopkins
Krankenhaus eine Zufluchtsstätte für die Armen
und Kranken wurde. Einige Krankheitbezeichnungen
und anatomisch-pathologische Beschreibungen sind noch
heute eng mit dem Namen Osler verknüft und erinnern
an diesen großen kanadischen Mediziner.
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