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Psychiater, Pathologe,
Philosoph, Physiker geb. am 20. April 1745
in Jonquières (Frankreich) verst. am 25.
Oktober 1826 in Paris Pinels Verdienst ist
die Befreiung der Geisteskranken von ihren tatsächlichen
und gesellschaftlichen Zwängen. Bis dahin waren
Geisteskranke nicht als Kranke angesehen worden, sondern
wurden als vermeintlich gemeingefährliche Irre
gleich Verbrechern, oft gefesselt, in Eisen gelegt oder
sonstwie "ruhiggestellt", in "Irrenabteilungen"
von Hospitälern, in "Tollkoben" und "Narrentürmen"
oder feuchten Kellergeschossen ehemaliger Zuchthäuser
gesperrt oder in "Narrenkolonien" weit ab
menschlicher Ansiedlungen verbracht und von korrupten
und kriminellen Wärtern beaufsichtigt. Der inhumane
Umgang mit den unglücklichen Geschöpfen beschränkte
sich darauf, den Körper am Leben zu erhalten, und
die ärztliche Kunst erschöpfte sich in Therapien
wie "Kopfkühlungen", Abszeßbildung,
Einschließen in Schleudermaschinen und dergleichen.
Der englische Arzt und Erzähler Archibald J. Cronin
(1896-1981) schildert in seinen sozialkritischen Romanen
die grausamen Heilungsversuche aus eigener Anschauung.
Pinel kam erst über ein Studium der Theologie und
Philosophie zur Medizin, die er in Toulouse studierte.
Zur weiteren Ausbildung ging er nach Montpellier und
anschließend Paris, wo er sich dem Studium der
Geisteskrankheiten zuwandte. Hier begann er im Rahmen
seiner Tätigkeit als Arzt an den Anstalten Bicêtre
und an der Salpêtrière mit Versuchen zur
Kenntnis über das Wesen der Geisteskrankheiten
und ihrer Heilung oder zumindest Linderung. 1794
wurde er Professor an der Medizinschule in Paris, zunächst
für Medizinische Physik, dann für Pathologie.
Die im wahrsten Sinne des Wortes "Kettenbefreiung"
durch Pinel begann ab dem Jahre 1793 - begünstigt
durch die politischen und sozialen Umwälzungen
der 1789 begonnenen Französischen Revolution. In
umfangreichen Untersuchungen hatte Pinel die Eigenheiten
der Geisteskranken studiert und daraus ein Konzept der
psychischen Krankheiten aufgestellt, mit dem er die
unterschiedlichen Krankheitserscheinungen auf eine gemeinsame
anatomische, physiologische und pathologische Basis
zu stellen suchte. Dieser Versuch muß nach unserem
heutigem Kenntnisstand zum Scheitern verurteilt gewesen
sein. Aber die durch Pinel erstmals in dieser Breite
und Ausführlichkeit durchgeführte Nosographie
der zu dieser Zeit deutbaren Geisteskrankheiten zeigt
ihn als einen vom aufklärerischen Impuls getragenen
humanitären Arzt. Pinel war der Erste, der die
Psychiatrie an die allgemeine Medizin heranführte
und damit die soziale und wissenschaftliche Isolation
der Geisteskranken aufbrach, und sie so allmählich
der medizinischen Methodik und ärztlichen Betreuung
zuführte. Die auf seine Arbeiten basierende "Irrengesetzgebung"
durch Jean-Etienne Esquirol (1772-1840) veranlaßte
zwischen 1805 und 1838 die Neuorganisation der psychiatrischen
Einrichtungen in Frankreich. Im Zuge der Hinwendung
zur wissenschaftlich-administrativen Institution der
Psychiatrie insgesamt wurde unter anderem im Jahre 1814
der klinische Unterricht über psychische Krankheiten
und Schutzbestimmungen für die Geisteskranken eingeführt.
Letztere sahen zum Beispiel den vollständigen Ersatz
der Ketten durch Zwangsjacken, das Verbot des Ochsenziemers,
mehrmalige tägliche Mahlzeiten, hygienische Grundregeln
und regelmäßige Arztbesuche vor. Den
von Pinel vorgezeichneten Weg ist wenig später
der Begründer der wissenschaftlichen Psychiatrie
in Deutschland, Wilhelm Griesinger (1817-1868), weitergegangen;
er initiierte die Universitätspsychiatrie und verschaffte
damit der deutschen Psychiatrie internationale Geltung.
Empfehlung biografische(r) Seite(n):
http://www.ch-charcot56.fr/histoire/biograph/pinel.htm (franz.)
http://www.onmeda.de/lexika/persoenlichkeiten/pinel.html
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