... durch Einengung (Kompression) des Mittelhandnerven ausgelöster Komplex von Beschwerden, der vor allem durch Mißempfindungen und Schmerzen, später durch Muskelrückbildung und Kraftverlust der Hand bzw. beider Hände gekennzeichnet ist; einseitiges oder beidseitiges sowie gleichzeitiges oder zeitlich versetztes Auftreten möglich; leichte Verläufe mit Spontanrückbildung sowie schwere Verläufe mit erforderlicher operativer Intervention bekannt
Anatomie: Die anatomischen Verhältnisse des Handgelenkes werden in der folgenden Darstellung recht gut wiedergegeben. Der mittlere der drei Handnerven (N.radialis - N.medianus - N.ulnaris = Speichennerv - Mittelhandnerv - Ellennerv) verläuft durch den sog. Karpaltunnel unter einem breiten, festen, bindegewebigen Band, - dem Retinaculum flexorum (auch Ligamentum carpi volare genannt) -, zusammen mit einigen Beugesehnen der Hand.
Wird der Platz unter dem Retinaculum zu eng (siehe Ursachen) kommt es zu den in den folgenden Kapiteln beschriebenen Krankheitserscheinungen.

Abb.1:Darstellung des sog. Karpaltunnels
Am oberen Rand des Retinaculums tritt mittig der relativ dicke Mittelhandnerv (weiß dargestellt) in den Karpaltunnel ein und zweigt sich unterhalb des Bandes in die einzelnen Fingeräste auf.
Ursachen: Druckschädigung des Mittelhandnerven durch einen zu engen Karpaltunnel. Ursächlich kommen für diese Einengung recht unterschiedlich Ursachen in Frage: - Überbeanspruchung des Retinaculums durch Überstreckung oder direkten Druck (Gehstock, Preßluftarbeiten und andere berufliche Beanspruchung, z.B. Verkrampfung durch Maschineschreiben, Computerarbeiten mit Fehlhaltung)
- Aufquellen der Strukturen durch entzündliche Prozesse wie z.B. Rheumatoidarthritis (sehr häufig!) oder Gicht, chronische Sehnenscheidenentzündung
- hormonelle Störungen (Akromegalie, Hypothyreose)
- Knochenanlagerung (Kallusbildung) durch Frakturheilung (z.B. nach Radiusbrüchen)
- durch hormonell bedingte Gewebequellung und Flüssigkeitseinlagerung in der Schwangerschaft
Manche Fälle bleiben auch ungeklärt.
Symptome: Frühsymptome sind nächtliches Kribbeln und Taubheitsgefühl im Versogungsgebiet des N.medianus, also vorwiegend in den Fingern II - IV, später kommen nächtliche Brachialgien hinzu (unangenehm ziehender Schmerz vom Handgelenk bis in den Unterarm ausstrahlend), die zum Erwachen führen und dem Patienten das Gefühl verleihen, den Arm ausschütteln zu müssen. In forgeschrittenen Stadien stellt sich das Gefühl von Kraft- und Gefühlslosigkeit ein ("Messer fällt beim Kartoffelschälen aus der Hand"). Ursache dafür ist eine Rückbildung (Hypo- bis Atrophie) der Fingermuskeln und insbes. des Daumenballenmuskels (Thenar = "Maus"), die auch deutlich durch ein Einsinken der sog. Maus sichtbar wird.
Diagnostik: Die Diagnose ist oft schon aus der typischen Symptomschilderung der Patienten ableitbar. Da der Patient oft relativ spät den Arzt aufsucht, sieht man häufig schon die beginnende Rückbildung der Maus. Die Rückbildung der Fingermuskulatur führt zu einem Unvermögen, einen Geldschein zwischen zwei zusammengepreßten Fingern bei leichtem Zug festzuhalten. Beim Druck über dem Retinaculum, durch Beklopfen des Retinakulums (sog. Tinelsches Zeichen) oder durch starke Beugung des Handgelenks nach volar (in Richtung der Handfläche) gibt der Patient Schmerzen an. Auch eine forcierte Beugebewegung im Handgelenk kann diese auslösen. Das Anlegen einer Blutdruckmanschette für 1-2 min wird u.U. ebenfalls als schmerzhaft empfunden.
Der Beweis der Verdachtsdiagnose erfolgt in der Regel durch den Neurologen mit Hilfe eines Elektroneuromyogramms (EMG), bei dem sich eine verzögerte Nervenleitgeschwindigkeit im Bereich des Engpasses zeigt. Es erlaubt auch eine differential-diagnostische Abgrenzung gegenüber Nervenkompressionen, die weiter rumpfwärts, z.B. durch Veränderungen der Halswirbelsäule, ausgelöst werden.
Eine Röntgendiagnostik ist nur erforderlich, wenn es einer besonderen Beurteilung der Knochenstrukturen oder der Diagnostik begleitender Erkrankungen bedarf (Rheuma, Sudeck-Atrophie, Tumoren etc.).
Therapie:- in Frühstadien Versuch der Ruhigstellung auf einer sog. Karpaltunnel-Schiene, insbes. nachts; ggf. Versuch mit Medikamenten, die die Funktion des Nerven verbessern helfen (z.B. KELTICAN®),
- in jedem Falle Behandlung des Grundleidens (Rheumatoidartrritis, Gicht etc.) bzw. Abstellen bestimmter Fehlbelastungen, weil dies für die Prognose auch nach einer chirurgischen Intervention wichtig ist,
- lokale Injektion von Hydrokortison
Mangels Langzeiterfahrung, wegen möglicher Komplikationen durch Nerv- oder Gewebeschädigung und letztlich auch mangels einer ausreichenden Anzahl erfahrener Therapeuten gibt es für diese Methode noch keine allgemeingültigen Empfehlungen.
- operative Spaltung des Retinaculums ggf. mit Freipräparation des gelengentlich verwachsen Nerven.
Erfolgt der Eingriff relativ frühzeitig, ist er nahezu risikolos. Die Schmerzen können durch die operative Raumschaffung fast immer und sofort beseitigt werden. Lähmungserscheinungen und Gefühlsstörungen lassen sich leider nur vollständig bessern, wenn der Nerv durch das Hinauszögern der Operation nicht schon irreversibel geschädigt wurde.
Die operative Dekompression kann in örtlicher Betäubung erfolgen. Es gibt sowohl koventionelle Methoden durch einen Längsschnitt über dem volaren Handgelenk als auch mikrochirurgische Methoden über ein Endoskop. Der Eingriff wird von Allgemeinchirurgen, insbes. Handchirurgen, als auch von Neurochirurgen und gelegentlich von Orthopäden ausgeführt.