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Was auf Sie nach dem Gesundheitsreformgesetz zukommt !?

Liebe Patienten,
das neue Gesetz zur Modernisierung der gesetzlichen Krankenversicherung ist verabschiedet, hat den Bundesrat passiert und wird in Teilen bereits am 1.1.04 in Kraft treten. Wir Ärzte haben das Gesetz in der vorliegenden Form, trotz der Einsicht, daß Strukturreformen unumgänglich sind, nicht gewollt und sind wohl deswegen durch dieses Gesetz auch gleich zu seinem Voll-strecker bestellt und verurteilt worden.
Um es mit den Worten eines bekannten Vertreters unseres Berufsstandes auszudrücken: Wir wollen nicht unsere Brust in den Hagel der Speere stellen.
Um Ihnen einen kurzen Überblick über die ab 1.1.04 geltenden neuen Bestimmungen zu verschaffen, habe ich die wichtigsten in einer kurzen Übersicht und unter dem Vorbehalt evtl. Änderungen zusammengestellt :

Praxisgebühr

10 Euro / pro Quartal werden fällig beim Erstbesuch eines Hausarztes, Facharztes, Zahnarztes oder Psychotherapeuten.
In welchen Fällen muß die Praxisgebühr nicht entrichtet werden?
  1. wenn eine Überweisung eines Arztes für dasselbe Quartal vorliegt,
  2. wenn es sich um eine reine Kontrolluntersuchung beim Zahnarzt handelt, bei der keine gleichzeitigen Behandlungsmaßnahmen anfallen (z.B. für das Bonusheft,
  3. für ausschließliche Vorsorge- und Früherkennungsmaßnahmen, wenn keine weiteren Anliegen an den Arzt getragen werden, betrifft Check-Up, Krebsvorsorge, Schwangeschaftsvorsorge und Impfungen,
  4. wenn Sie für den Rest des Jahres von den Zuzahlungen befreit wurden, weil Sie Ihre Belastungsgrenze erreicht haben (siehe Berechnung der Belastungsgrenze weiter unten),
  5. Kinder und Jugendliche unter 18 Jahre sind von allen Zuzahlungen befreit!
Das gilt also auch für die Kinder- und Jugendvorsorgeuntersuchungen.
Für die Arbeitstauglichkeitsuntersuchung Jugendlicher bis zum vollendeten 18.Lbj. gibt es besondere Berechtigungsscheine. Fragen Sie beim Arbeitgeber, beim Gesundheitsamt oder Ihrem Hausarzt danach. Nach dem 18.Lbj. werden diese Untersuchungen als sog. IGEL-Leistung (siehe dort) erbracht.

Zuzahlungen für verschreibungspflichtige Arzneimittel

SeitenanfangAlt: 4,- 4,50 oder 5 Euro nach Packung N1, N2 oder N3Neu: 10% des Preises, mindestens aber 5 Euro und maximal 10 Euro, allerdings nie mehr als der tatsächliche Preis des Mittels unabhängig von der Packungsgröße

Nicht-verschreibungspflichtige Medikamente erhalten Sie in der Regel nicht mehr auf einem Kassenrezept! Dies betriffft sehr viele Fieber- und Erkältungsmittel, zukünftig auch einige andere Arzneimittel! Gehört ein Arzneimittel, auch wenn es nicht verschreibungspflichtig ist, zu einem wissenschaftlich anerkannten Therapiestandard, so gilt diese Regelung nicht.

Zuzahlungen für Sehhilfen und Brillen

Keine Beteiligung durch die Krankenkasse mit Ausnahme bei Kinder und Jugendlichen und schwerer Sehbehinderung.
Die Brillenbestimmung durch den Arzt bleibt aber eine Kassenleistung!

Zuzahlungen bei Arznei- , Verbands- und Hilffsmitteln

Alt: keine
Neu: zukünftig 10% der Kosten (mindestens 5 Euro, maximal 10 Euro)
Ausnahme: Hilfsmittel zum Verbrauch (z.B. Windeln bei Inkontinenz); hier auch 10% des Preises der Verbrauchseinheit , aber maximal 10 Euro pro Monat.

Zuzahlung bei Heilmitteln (Massagen, Krankengymnastik, Ergotherapie, Logopädische Maßnahmen u.a.)

Alt: 15% der Kosten
Neu: 10% der Kosten zuzüglich 10 Euro pro Verordnung

Zuzahlung bei häuslicher Krankenpflege

SeitenanfangAlt: keine
Neu: 10% der Kosten, maximal aber nur die Kosten für die ersten 28 Tage im Kalender-jahr zuzüglich 10 Euro für die Verordnung

Zuzahlung bei stationärer Vorsorge und Rehabilitation, Anschlußheilbehandlung und Krankenhausbehandlung

Alt: 9 Euro täglich, bei Krankenhausbehandlung maximal 14 Tage
Neu: 10 Euro täglich, bei Anschlußheil- und Krankenhausbehandlung auf 28 Tage begrenzt

Zuzahlung bei medizinischer Rehabiltation für Mütter und Väter

Alt: 9 Euro/Tag
Neu: 10 Euro/Tag, maximal für 28 Tage

Zuzahlungen für Soziotherapie und Haushaltshilfe

Alt: keine
Neu: 10% der kalendertäglichen Kosten, mindestens jedoch 5 Euro, maximal 10 Euro pro Tag

Zuzahlungsbefreiungen

Eine vollständige Zuzahlungsbefreiung gibt es nicht mehr. Bisher und bis Ende des Jahres 2003 gilt die sog. Sozialklausel, wenn das Bruttoeinkommen unter 952 Euro lag. Jetz erfolgt eine Befreiung nur noch, wenn der Versichterte die Belastungsgrenze überschreitet: Diese Bealstungsgrenz liegt bei 2% des jähr-lichen Bruttoeinkommens aller im Haushalt lebenden Angehörigen. Bei schwerwiegend chronisch Kranken beträgt die Belastungsgrenze 1% des jährlichen Bruttoeinkommens.

Schwerwiegend chronisch krank?

siehe hier

Wie wird die Belastungsgrenze ermittelt ?

Seitenanfang Zur Ermittling der Belastungsgrenze werden die Zuzahlungen und die Bruttoeinnahmen der mit dem Versicherten in einem gemeinsamen Haushalt lebenden Angehörigen bzw. Lebenspartner zusammengerechnet.
Die Bruttoeinnahmen werden für den ersten Anghörigen um 4347 Euro und für jeden weiteren um 2898 Euro gemindert. Für jedes im Haushalt lebende Kind wird ein Freibetrag von 3648 Euro abgezogen. Vom verbleibenden Betrag errechnet man 2% bzw. 1% ("schwerwiegend" chronisch Kranke) als Belastungsgrenze.
Überschreiten die Zuzahlungen diese Belastungsgrenze, stellt die Krankenkasse für den Rest des Jahres eine Befreiung aus.Was "schwerwiegend chronisch krank" bedeutet, wurde erst im nachherein festgelegt und hier nachzulesen.
Neu hingegen ist, daß die 1%-Regelung für alle im Haushalt lebenden Personen gilt, wenn nur eine als schwerwiegend chronisch krank eingestuft wird.
Kinder und Jugendliche sind generell bis zum volendeten 18.Lbj. von Zuzahlungen befreit. Sammeln Sie ab 2004 unbedingt alle Quittungen für Zuzahlungen und reichen Sie diese umgehend bei Ihrer Krankenkasse ein, wenn Sie im Kalenderjahr Ihre Belastungsgrenze erreichen!

Sterbegeld, Entbindungsgelt

Entfallen ersatzlos.

Nicht-verschreibungspflichtige Arzneimittel

Keine Erstattung durch die Krankenkasse ! Ausnahme: Kinder bis 12 Jahre und Jugendliche bis 18 Jahre mit Entwicklungsstörungen.

Fahrtkosten

Alt: 13 Euro pro Fahrt
Neu: 10% der tatsächlichen Fahrtkosten, mindestens 5 Euro, maximal 10 Euro pro Fahrt; aber Fahrtkosten für ambulante Fahrten werden prinzipiell nur noch bei zwingender medizinischer Notwendigkeit und mit Genehmigung der Kasse möglich sein! (siehe Krankenfahrten!)

Sterilisation

Dient die Sterilisation der persönlichen Lebensplanung, muß der Patient die Kosten selbst tragen. Die Krankenkasse übernimmt die Kosten nur bei medizinischer Notwendigkeit.
Nähere Angaben darüber fehlen bis jetzt. Es ist anzunehmen, daß Leiden, bei denen sich eine Schwangerschaft lebensbedrohend für die Mutter auswirkt (z.B. Kaiserschnitt wegen geburts-unfähigen Beckens, schwerwiegende Herzfehler der Mutter etc.) als medizinisch notwendig gewertet werden.

Künstliche Befruchtung

Reduziert von vier auf drei Versuche, die bis zu 50% von der Kasse erstattet werden. Altersbegrenzung der Frauen auf 25 bis 40 Jahre und des Ehegatten auf 50 Jahre.

Mutterschaftsgeld, Empfängnisverhütung, Schwangerschaftsabbruch und Krankengeld bei Erkrankung des Kindes

Diese Leistungen gehören nicht mehr in den Leistungskatalog der Gesetzlichen Krankenkassen, da es sich um Leistungen des gesamtgesllschaftlichen Interesses handelt. Diese Leistungen werden weiterhin aus Steuergeldern finanziert aber nach wie vor nur über die Krankenkasse abgerechnet.

Hausarztsystem/Bonussytem

Krankenkassen dürfen Bonussysteme entwickeln. Dies liegt in Ihrer Eigenständigkeit. Viele Krankenkassen haben auch schon angekündigt, davon Gebrauch zu machen. So werden Beitragsrückerstattungen für die Nicht-Inanspruchnahme von ärztlichen Leistungen oder aber auch bei regelmäßiger Teilnahme an Vorsorgeprogrammen in Aussicht gestellt. Diese Regelungen liegen aber z.T. noch nicht vor bzw. sie sind nicht in dem o.g. Gesetz ausdrücklich benannt. Patientenquittung Ab 2004 hat jeder Patient das Recht, sich nach jedem Arztbesuch oder als Übersicht 1x im Quartal kostenlos eine Quittung ausstellen zu lassen. darauf sind alle Leistungen und Kosten aufzulisten, die der Arzt bei der Krankenkasse abrechnet.

Persönliche Anmerkung:
Seitenanfang Dies ist wohl die widersinnigste Bestimmung des neuen Gesetzes. Mit dem neuen Gesetz werden die Ärzte verpflichtet, Praxisgebühren einzutreiben, die der Krankenkasse gehören. Dafür gibt es keinerlei Gegenleistung durch die Kassen. Auch der zeitlich Mehraufwand für das Austellungen der Quittungen wird nicht vergütet. Das Ausstellen einer Quittung nach dem Arztbesuch ist derart abwegig, daß es meinen Kollegen und mir die Sprache verschlägt.
Wann soll das vom Arzt erledigt werden? Nach der Sprechstunde ? Kostenlos ? Nein auf Kosten seiner ohnehin knapp bemessenen Freizeit oder auf Kosten der Wartezeit der Patienten, die noch auf der Warteffläche sitzen ? Auf Kosten der Zeit für den Notfall, der sich gerade angemeldet hat ?
Selbst Sammelquittungen am Quartalsende sind nicht in Minutenschelle erstellt. Würde in meiner Praxis nur jeder zweite Patient eine solche Quittung verlangen, müßte ich die Praxis am Quartalende für zwei oder drei Tage schließen müssen. 300 Quittungen sind auch mit einem Computer nicht in einigen Stunden erstellt.
Anfangen kann der Patient mit dieser Quittung ohnehin nur wenig, denn der Arzt rechnet bei der Kasse keine Geldbeträge ab sondern Ziffern. Diese stehen für betimmte ärtzliche Leistungen und sind mit einer Punktzahl verknüft. Diese Punktzahl wird mit einem Geldbetrag multipliziert, der erst im Folgequartal errechnet wird, wenn die Kassen genau wissen, wieviel Punkte die Ärzte erarbeitet haben. Dann wird festgelegt, wieviele Cent ein Punkt Wert ist.
Bei der Berechnung des Punktwertes gibt es überdies regionale Unterschiede. Jede Kassenärztliche Vereinigung errechnet ihren eigenen Punktwert. Es gibt übrigens mehr Kassenärztliche Vereinigungen als Bundesländer! Ein Arzt in Bayern erhält für jeden Punkt in der Regel wesenlich mehr Cents als ein Arzt in dicht besiedelten Ballungsgebieten. Das heißt, bundesweit wird die ärztliche Tätigkeit unterschiedlich vergütet.
Dazu müssen Sie berücksichtigen, daß der Gesetzgeber durch die Einführung von Praxisbudgets die Gesamtausgabe begrenzt hat. Diese Praxisbudgets werden u.a. aus verschiedenen Bezugsgrößen errechnet (u.a. Anzahl der behandelten Patienten). Das Gesamthonorar darf einen bestimmten Betrag nicht überschreiten. Das führt heute bereits dazu, daß die meisten Ärzte ihren erarbeiteten Punktwert gar nicht voll erstattet bekommen.
Die letzten 14 Tage eines Quartals arbeiten die meisten Ärzte bereits kostenlos, weil die erarbeiteten Punkte das Praxisbudget überschreiten. Im Trend wehren sich viele Kollegen dadurch, daß sie häufiger Urlaub machen oder häufiger mehrtägige Fortbildungsveranstaltungen besuchen . Da die Ausgaben für die Praxis aber ständig steigen und laufende Abwesenehit organisatorische Probleme schafft, geht dies auch nicht unbegrenzt und man arbeitet mißmutig und lustlos weil nicht betriebswirtschaftlich weiter.
Vermeiden Sie es daher, solche Quittungen von Ihrem Arzt unkritisch zu verlangen. Sollten Sie jedoch eher selten krank sein und Ihre Krankenkasse Ihnen einen Bonus für die Nicht-Inanspruchnahme des Arztes zahlen, kann eine solche Quittung sinvoll sein, und Ihr Arzt wird dafür Verständnis aufbringen. Sie können dann anhand einer solchen Quittung entscheiden, ob es für Sie finanziell günstiger ist, die Rechnung privat zu bezahlen oder die Rechnung, sprich den Behandlungsschein, vom Arzt bei der Kasse einreichen zu lassen.


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