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Ernährung und Tumorkrankheiten

  1. Epidemiologische und tierexperimentelle Befunde zeigen, daß bei der Entstehung von einigen Malignomen Ernährungsfaktoren eine Rolle spielen.
  2. Derzeit ist jedoch keine Ernährungform bekannt, die bei bereits bestehender Tumorkrankheit einen therapeutischen Nutzen hat.
  3. Mangelernährung und Kachexie ist bei Tumorkranken weit verbreitet.Ernährungstherapeutische Maßnahmen (Zusatzernährung, Sondenernährung, parenterale Ernährung), die heute auch ambulant durchgeführt werden können, gehören zwingend zur adjuvanten Tumortherapie, da dadurch die Komplikationsrate der antitumorösen Therapie reduziert, die Lebensqualität verbessert und die Hospitalisationsfrequenz vermindert wird.

Ernährungsfaktoren bei der Tumorentstehung

Unser Wissen über ernährungsbedingte karzinogene u. antikarzinogene Faktoren basiert ausschließlich auf epidemiologischen und tierexperimentellen Untersuchungen sowie Studien an Zellkulturen, so daß kausale Zusammenhänge zwar vermutet werden, aber nicht mit letzter Sicherheit beweisbar sind.
Sowohl Makro- als auch Mikronährstoffe, artifizielle oder natürliche Begleitstoffe in Lebensmitteln, Zwischen- und Abbauprodukte, die bei der industriellen oder küchentechnischen Herstellung oder bei der Verdauung im Gastrointestinaltrakt entstehen, können als direkte Karzinogene oder Promotoren oder Antikarzinogen oder Antipromotoren verantwortlich sein.
Die Beurteilung der krebsauslösenden Potenz eines Nahrungsfaktors ist schwierig, da die jahrelange Zufuhr in subtoxischen Dosen nicht einfach zu beurteilen ist, potenzierende und inhibierende Effekte anderer Stoffe berücksicht werden müssen, Kofaktoren (z.B. Östrogen) eine Rolle spielen, zusätzliche Schädigungen der Zellverbände und genetische Einflüsse in die Beurteilung mit einbezogen werden müssen.

Krebsauslösende Faktoren

Karzinogene:
Eine Reihe von Karzinogenen kommen in Lebensmitteln vor oder entstehen bei der Zubereitung. Von einem Teil dieser Stoffe ist die krebsauslösende Wirkung tierexperimentell und in Zellkulturen gut belegt.Für den Menschen fehlt allerdings eine Dosis-Wirkungs-Beziehung.

Karzinogene in der Ernährung (Vorkommen):
Benzpyren, polyzyklische Kohlenwasserstoffe Zigarettenrauch, Holzkohlengrill, Toasten
Nitrat, Nitrit, Nitrosamin Rote Bete, Rettich, Radieschen, Spinat, Gepökeltes, Geräuchertes
Aflatoxine Schimmelpilzbefall
Peroxide Erhitzen mehrfach ungesättigter Fettsäuren, ranziges Fett
Protein-Pyrolyse-Produkte trockenes Erhitzen von Eiweiß


Übergewicht / Fettkonsum:
Übergewichtigkeit ist fast immer auch mit einem hohen Fettverzehr verbunden, so daß diese beiden Faktoren praktisch nicht zu trennen sind. Aufgrund der bislang vorliegenden Datenlage, muß davon ausgegangen werden, daß einige Tumorarten durch Überernährung (hoher Fettkonsum) gefördert werden. Dazu zählt das Mamma-, Endometrium-, Korpus-, Ovarial-, Kolon-, Rektum- und Prostata - Karzinom.
Die meisten epidemiologischen Untersuchungen fanden bei den genannten Malignomen eine posiive Korrelation zum Körpergewicht bzw. zum Fettkonsum. Proteinzufuhr:
Die Proteinzufuhr per se scheint keine Beziehung zur Tumorhäufigkeit zu haben.Allerdings weisen einige Ergebnisse darauf hin, daß ein hoher Fleischkonsum Einfluß auf die Entstehung des kolorektalen Karzinoms und des Mamma - Karzinoms hat. Da Fleisch reich an gesättigten Fettsäuren ist, muß vermutet werden, daß möglicherweise die hohe Zufuhr an gesättigten Fettsäuren einen Promotions-Effekt ausübt.

Kohlenhydratzufuhr:
Für Kohlenhydrate konnte bislang keine Korrelation zu einer Tumorart gefunden werden. Nur in einer Untersuchung wurde eine positive Beziehung zwischen dem Mamma - Karzinom und dem Saccharoseverbrauch festgestellt. Diskutiert wird, ob ein (durch Saccharose induzierter) Hyperinsulinismus die Proliferation entarterter Zellen fördern kann. Auffallend ist, daß Typ II-Diabetikerinnen ein hohes Risiko für ein Mamma - Karzinom aufweisen. Alkohol:
Karzinome der oberen Schluckstraße (Oropharynx-, Larynx-, Ösophagus - Karzinome) weisen eine positive Korrelation zum Alkohol- und Nikotinkonsum auf.Liegen beide Risikofaktoren vor, ist das Risiko um das 100fache im Vergleich zu Kontrollpersonen erhöht. Durch Alkohol- und Nikotinverzicht könnten die Karzinome der oberen Schluckstraße um 60-90% verringert werden.

Krebsprotektive Faktoren

Ballaststoffe:
Ballaststoffen wird seit ca. 25 Jahren eine protektive Wirkung gegen das kolorektale Karzinom zugesprochen. Ballaststoffe sind jedoch eine heterogene Stoffgruppe und mit einer erhöhten Ballaststoffzufuhr geht immer eine reduzierte Fettaufnahme und eine Erhöhung anderer pflanzlicher Inhaltsstoffe einher (z.B. antioxidative Vitamine), so daß die Art der Protektion letztlich nicht gekärt ist. Einige Befunde sprechen dafür,daß die Zufuhr von Früchten und Gemüse das Risiko des kolorektalen Karzinoms vermindert, nicht aber ein hoher Verzehr von Getreideprodukten. Antioxidativ wirkende Substanzen:
Viele Untersuchungen zeigen, daß beta-karotinreiche Lebensmittel (pflanzliche Lebensmittel von gelb-grüner Farbe) einen präventiven Effekt bei Tumoren unterschiedlicher Lokalisation aufweisen. Unklar ist, warum Vitamin A (Retinol) offenbar diesen protektive Eigenschaft nicht hat. Für Vitamin E liegen bislang nur wenige Ergebnisse vor, so daß eine definitive Aussage noch nicht gemacht werden kann. Tierexperimentelle Untersuchungen lassen aber vermuten, daß auch Vitamin E eine protektive Wirkung besitzt.
Vitamin C kann in Lebensmitteln und im Gastrointestinaltrakt die Bildung kanzerogener Nitrosamine reduzieren. In Populationen mit hohem Vitamin C-Konsum ist das Magen-Karzinom seltener als in Ländern mit geringem Obst und Gemüseverzehr. Wahrscheinlich ist die Verbesserung der Vitamin C-Zufuhr im Laufe der letzten Jahrzehnte (Kühlketten, raschere Transportwege, ganzjährige Verfügbarkeit von frischem Obst und Gemüse) für den deutlichen Rückgang der Magenkarzinom - Inzidenz verantwortlich.
Selen scheint auch einen hemmenden Einfluß auf die Entwicklung maligner Tumoren zu haben. In Bevölkerungsgruppen mit guter Selenversorgung ist die Inzidenz maligner Erkrankungen signifikant niedriger als in Selenmangelgebieten. Auch tierexperimentelle Untersuchungen zeigten einen protektiven Effekt für Selen. In höheren (pharmakologischen) Dosen wirkt allerdings Selen toxisch. Die effektive Dosis von Selen ist nicht bekannt.

Beinflussung des Malignomrisikos durch Nahrungsmittel

 
Tumor Risikoerhöhung Risikoverminderung
Mundhöhle, Rachen , Kehlkopf Alkohol betaKarotin, Vitamin C, Gemüse, Obst
Speiseröhre Alkohol,Matetee betaKarotin, Vitamin C, Gemüse, Obst, Selen
Magen Nitrosamin,Geräuchertes, Gepökeltes, Alkohol, Matetee Vitamin C, Obst, Gemüse, Selen
Kolorektale Tumore Fett, Fleisch, Alkohol Ballaststoffe, betaKarotin, Selen, Obst, Gemüse, Vitamin A?, Vitamin E?, Kalzium?
Brust (gesättigte) Fette, Übergewicht?, Alkohol? betaKarotin, Gemüse, Obst, Selen
Gebärmutter (Korpus) Übergewicht, Fett Obst, Gemüse
Gebärmutter (Hals) Fett?, Fleisch? betaKarotin, Vitamin C, Gemüse, Obst
Leberzelle Aflatoxine, Alkohol frei
Vorsteherdrüse Übergewicht, Fett, Fleisch Obst, Gemüse
Bronchien Nikotin betaKarotin, Vitamin C, Gemüse, Obst, Selen?, Vitamin E?
Bauchspeicheldrüse Alkohol, Kaffee? Obst, Gemüse


Krebsdiäten

Eine Ernährung, die bei bestehendem Tumor das Tumorwachstum verlangsamen kann oder gar ku-rativ ist, gibt es nicht. Die immer wieder mit großem publizistischem Aufwand propagierten Krebsdiäten führen bei den Betroffenen zu falschen Hoffnungen und Verunsicherungen ohne jemals einen Erfolg vorweisen zu können. Auch das Absiedeln von Metastasen kann durch die sog. Krebsdiäten nicht verhindert werden. Vielmehr wird durch die oft sehr einseitige Ernährungsform der Malnutrition Vorschub geleistet u.somit u.U. die Gesamt Prognose verschlechtert. Auch Megadosen von Antioxidantien haben keinen Einfluß das Tumorgeschehen.

Ernährung bei Tumorkrankheiten

Die meisten Malignomträger haben z.T. erhebliche Störungen der Nahrungsaufnahme und Nahrungsverwertung mit Malnutrition und Kachexie. Bei vielen Patienten tritt der Gewichtsverlust schon vor der Diagnosestellung auf (Magen-, Pankreas-, Bronchial-Karzinom u.a.) und kann richtungsweisend für die Diagnosestellung sein. Malnutrition und Kachexie korrelieren aber negativ mit der Prognose, vermindern die Lebensqualität, führen wegen Komplikationen zu häufigen stationären Aufenthalten und lassen oft eine adäquate antitumoröse Therapie nicht zu.

Unmittelbare Folgen der Malnutrition

Gewichtsverlust durch
Muskelatrophie durch
  • Protein- und Energiemangel,
  • Immunschwächen mit
  • erhöhter Infektanfälligkeit (Pneumonien!)
  • Müdigkeit und Immobilität
  • mit erhöhtem Thromboserisiko
  • Dekubitus durch
  • Immobilität und Proteinmangel


  • Antitumoröse Maßnahmen (Chemotherapie, Strahlentherapie, operative Interventionen) verschlechtern oft weiter den Ernährungszustand des Patienten, so daß eine intensive Ernährungstherapie sinnvoll erscheint, um die Prognose, vor allem aber die Lebensqualität der Tumorkranken Patienten zu verbessern. Die heute zur Verfügung stehende ernährungstherapeutische Palette erlaubt, auch im ambulanten Bereich, eine sichere und gesicherte Nährstoffzufuhr. Eine künstliche Ernährung mittels enteralen Sonden (nasogastrale oder nasoduodenale Sonde, perkutan endoskopische Gastrostomie, Feinnadel-Katheter-Jejunostomie) oder über einen intravenösen Zugang (Hickman-Katheter, Broviac-Katheter, implantierbare Portsysteme) ist heute über praktisch unbegrenzte Zeit möglich bei geringer Komplikationsrate und guter Lebensqualität.
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